Was im Nahen Osten geschieht
Wie Debatten hierzu verlaufen, wirkt unmittelbar in den Alltag von Jüdinnen und Juden in Deutschland hinein.
Aus vermeintlich abgewogener Kritik an konkreten politischen Entscheidungen entstehen schnell pauschale Urteile über „Israel“ oder über „die Juden“.
Kritik an israelischer Politik ist legitim. Antisemitisch ist sie aber, wenn sie pauschalisiert, delegitimiert oder mit doppelten Maßstäben arbeitet, wenn Israels Existenz dämonisiert wird oder Jüdinnen und Juden, gerade diejenigen, die in Deutschland leben, kollektiv verantwortlich gemacht werden. Als Gegentest: Ist es angebracht, wenn ein deutscher Staatsbürger im Ausland dazu befragt wird, ob es Deutschland überhaupt noch geben darf? Oder, was sich „Europa schon wieder leistet“? Muss sich ein Christ für die Politik des Vatikans rechtfertigen? Ist ein US-Amerikaner in der Bringschuld, zu widerlegen, dass alle Amerikaner angeblich krankhaft Kriege führen, gerne andere Länder bombardieren und Minderheiten unterdrücken? Nein? Dann muss das auch kein Jude und keine Jüdin gegenüber den Handlungen Israels tun, und erst recht nicht, wenn er weder Israeli ist, noch in Israel lebt. Wer hier zu einer anderen Antwort gelangt, arbeitet mit zweierlei Maß.
Israelkritik und Antisemitismus: Alte Muster in neuer Gestalt
Aus undifferenzierter Israelkritik wird schnell Judenhass. Antisemitische Deutungsmuster, z.B. solche von der angeblichen „globalen jüdischen Elite“, werden dabei nicht neu erfunden, sondern lediglich in abgewandelter Form reproduziert. Es sind alte und bösartige Bilder in moderner Sprache. Sie vergiften, sie verletzen und sie hetzen auf. Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden.
Internationale Ereignisse enden in der globalisierten medialen Welt nicht an Staatsgrenzen. Sie manifestieren sich auf deutschen Straßen, in sozialen Medien, in Schulen und Universitäten in Form von Protesten, Demonstrationen oder als unmittelbarer Affront: Jüdische Menschen in Deutschland geraten dabei häufig in eine paradoxale Repräsentationsrolle: als vermeintliche Vertreter eines Staates, für dessen Politik sie weder verantwortlich sind noch sprechen. Sie werden adressiert, ohne gemeint zu sein und sind gemeint, ohne gefragt zu werden.
Spätestens jetzt verschiebt sich die Grenze vom Politischen ins Persönliche. In Phasen eskalierender Gewalt im Nahen Osten steigt die Zahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland. Für Jüdinnen und Juden übersetzt sich dies in konkreten Einschnitten im Alltag: Mehr Vorsicht. Mehr Unsicherheit. Mehr Rückzug. Nicht aus Überempfindlichkeit, sondern aus leidvoller Erfahrung.
Jüdisches Leben darf keine Rechtfertigung brauchen
Deshalb ist die Debatte über Israel kein isoliertes außenpolitisches Thema. Sie fungiert als Gradmesser dafür, wie differenziert argumentiert wird, wie verantwortungsvoll Sprache eingesetzt wird und wie ernst der Schutz von Minderheiten im eigenen Land genommen wird.
Zudem zeigt sich darin etwas sehr Grundlegendes: Ob Jüdinnen und Juden in Deutschland einfach leben können, oder erklären müssen, warum sie es tun.
