Warum spielen Konflikte im Nahen Osten für Jüdinnen und Juden in Deutschland eine so besondere Rolle?
Die Gewissheit, fast nirgends sicher zu sein, gehört zur jüdischen Identität. Über Jahrhunderte hatten Jüdinnen und Juden keinen eigenen Staat. Israel ist damit ein Zufluchtsort.
Die Antwort liegt in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft des Judentums:
Die Gewissheit, fast nirgends sicher zu sein, gehört zur jüdischen Identität. Über Jahrhunderte hatten Jüdinnen und Juden keinen eigenen Staat. Keinen Ort, der ihnen Schutz garantierte. Keinen Ort, an den sie fliehen konnten, wenn Entrechtung, Erniedrigung, Verfolgung und Tod über sie kamen.
Jahrhundertelange jüdische Existenz auf “gepackten Koffern”
Die jahrhundertelange Erfahrung jüdischer Existenz ohne staatlichen Schutz bildet daher den historischen Ausgangspunkt. Jüdisches Leben war über lange Zeit ein Leben ohne Heimat, eine Existenz auf „gepackten Koffern“.
Die Shoah markiert den Zivilisationsbruch, in dem diese Schutzlosigkeit ihren extremsten Ausdruck fand. Die Gründung des Staates Israel steht unmittelbar in diesem Zusammenhang. Sie verkörpert für viele Jüdinnen und Juden die Gewissheit, dass jüdisches Leben nicht erneut schutzlos bleiben darf.
Der Israel ist die Antwort für viele Jüdinnen und Juden auf das “Wohin?”
Israel ist damit ein Zufluchtsort. Die Existenz eines Staates, der im Fall wachsender Bedrohung erreichbar ist, stellt für viele eine Überlebensgarantie dar. Er ist zudem die Antwort auf eine existenzielle Frage: Wohin, wenn es wieder gefährlich wird? Wohin, wenn meine Existenz, meine Familie, mein Leben wieder bedroht sind?
Israel entfaltet für Jüdinnen und Juden in Deutschland auch eine konkrete emotionale Bedeutung. Familien, Freundschaften sowie religiöse und kulturelle Beziehungen reichen weit über Staatsgrenzen hinaus. Für viele Jüdinnen und Juden ist Israel kein abstrakter Ort, sondern ganz persönlich.
Der 7. Oktober 2023 hat dieses Gefühl wie unter einem Brennglas verstärkt.
Konfliktdynamiken im Nahen Osten werden daher als Entwicklungen mit unmittelbarer Auswirkung für das eigene Sicherheitsgefühl erlebt. Die Möglichkeit, Israel als verlässliches Refugium zu denken, wird in Phasen militärischer Eskalation und fortdauernder Bedrohungslagen fragil. Dazu mengt sich die Sorge um das Wohl der eigenen Eltern, Geschwister, Kinder, Freunde und Bekannten.
Die Debatte über Israel berührt die Fragen von Schutz, Sicherheit und Zugehörigkeit
Aus all diesen Gründen ist die Debatte über Israel für Jüdinnen und Juden in Deutschland keine bloße außenpolitische Auseinandersetzung. Sie berührt Fragen von Schutz, Sicherheit und Zugehörigkeit. Was bedeutet „Sicherheit“ noch, wenn selbst dieser Ort bedroht ist? Wo gehört man hin, wenn niemand mehr die Arme öffnet?

Wird in diesem Kontext in Debatten über Israel – bewusst oder unbewusst – mit pauschalisieren, delegitimieren oder mit doppelten Maßstäben gearbeitet, berührt dies zwangsläufig auch die Frage, wie jüdisches Leben insgesamt wahrgenommen wird. Solche Debatten können Jüdinnen und Juden verunsichern und verletzen.
Das bedeutet nicht, dass nicht kritisiert werden darf oder politische Fehler nicht angeprangert werden dürfen. Es muss dabei allerdings klar sein, dass eine aggressive und existentielle Kritik an Israel auch für Jüdinnen und Juden als Bedrohung ihrer eigenen Existenz wahrgenommen wird.
