Seit wann ist es „akademisch“, Israel zu dämonisieren?

Es wäre verkürzt, würde man die Konflikte an Universitäten im Rahmen der „Israelkritik“ ausschließlich als politische Polarisierung beschreiben. Sie verweisen vielmehr auf ein tieferliegendes Problem, bei dem mit vorgeblich neuen und klugen Begriffen alte und triviale Ressentiments legitimiert werden.

Kaum erwähnenswert ist, dass sich Teile linker Hochschulgruppen, Fachschaften oder aktivistischer Gruppen antiisraelisch positionieren. Das hat Tradition und ist seit Jahrzehnten en vogue. Bemerkenswert ist vielmehr, mit welcher Selbstverständlichkeit dies mittlerweile geschieht und mit welcher Selbstherrlichkeit im selben Atemzug offen antisemitische Dynamiken verkannt werden.

Die verbreitete Vorstellung, gesellschaftliche Wirklichkeit primär als Resultat von Macht-, Sprach- und Herrschaftsordnungen zu begreifen, besitzt zweifellos analytische Kraft. Sie verkommt jedoch zur unredlichen Reduktion von Komplexität, wenn politische Akteure und Geschehnisse nur noch entlang schematischer Oppositionslinien gelesen werden: hier Unterdrückte, dort Unterdrücker; hier kolonialisierte Subjekte, dort hegemoniale Macht, hier Gut, dort Böse.

Der künstlich anerzogene Reflex, jede Ordnung dekonstruieren zu wollen (u.a. ein „Erbe“ des Theorems von Judith Butler), scheint zum Teil auch die Fähigkeit zur klaren Unterscheidung zwischen Emanzipation und Ressentiment zu schwächen. Nicht selten gehört auch eine erschreckend unsensible Täter-Opfer-Umkehr zum instrumentellen Habitus.

Innerhalb dieser dichotomen Matrix erscheint Israel vielfach ausschließlich als Projektionsfläche westlicher Dominanz. Die historische und sicherheitspolitische Dimension jüdischer Staatlichkeit tritt völlig zurück. Durch die vorschnelle Verwendung von nicht deckungsgleichen und extrem voraussetzungsreichen Buzzwords (Imperialismus, Kolonialismus, Faschismus, Zionismus usw.) wird sich selbst tieferes Verständnis eingeredet und den anderen Diskursteilnehmern höhere Einsicht in die „richtige Lesart“ vorgegaukelt.

An Universitäten, die Räume kritischer Reflexion sein sollten, entstehen dadurch Subkulturen, in denen die Dämonisierung Israels als Ausdruck moralischer Sensibilität gilt. Antisemitische Codes und offene Einschüchterungen jüdischer Studierender und Lehrender werden als Kollateralschaden des „Kampfes für das Gute“ hingenommen.

Die Ironie: Milieus, die sich selbst als besonders sensibel für Macht- und Diskriminierungsstrukturen verstehen, produzieren eine bemerkenswerte Blindheit gegenüber einer der ältesten Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit: dem Antisemitismus.

Der Denkfehler: Eine moralische Bewertung legt das Resultat der behauptet neutralen Analyse fest und verklebt sich dabei zur einzig wahren Perspektive. Diese vorurteilsbeladene und ergebnisantizipierende Dekonstruktion der Lebenswelt führt zielsicher in die Verblendung.


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