Nicht jede Lage ist komplex: Offener Antisemitismus braucht eine klare Antwort
„Tötet alle Juden.“
„Nur ein toter Jude ist ein guter Jude.“
Das sind einige der Parolen, die in der vergangenen Woche an Berliner Hauswände geschmiert wurden, ergänzt durch einschlägige Symbolik und die Markierung von Wohnumfeldern.
Wer diese Entgleisungen weiterhin unter einer „zugespitzten Israelkritik“ zu subsumieren oder mit „der Lage in Nah-Ost“ zu erklären versucht, missversteht deren semantische Qualität.
Diese Phrasen richten sich weder gegen konkrete staatliche Maßnahmen des Staats Israel noch gegen politische Strategien; sie operieren mit offenem Hass auf Jüdinnen und Juden und alles Jüdische in Deutschland. Das ist eine neue Qualität an Gewalt.
Die auf diesen Zivilisationsbruch folgende Stille in der öffentlichen Debatte ist ohrenbetäubend. Man gewinnt den Eindruck, dass Missstände nur dann diskutiert werden, wenn sie woanders stattfinden, oder wenn sie eingebildet sind.
Die große Debatte über Israel und das Schweigen über Judenhass
Während komplexe militärische und völkerrechtliche Sachverhalte im Kontext des Nahostkonflikts nonchalant mit der Formel „offensichtlich völkerrechtswidrig“ versehen werden – eine Zuschreibung, die angesichts unsicherer Tatsachengrundlagen und hochgradig voraussetzungsreicher Normstrukturen regelmäßig mehr Eindeutigkeit suggeriert, als tatsächlich besteht –, bleibt die Einordnung manifest antisemitischer Äußerungen bemerkenswert zurückhaltend. Die hohle Rede von der „Offensichtlichkeit“ völkerrechtlicher Bewertungen fungiert dabei als Ersatz für Haltung. Offen artikulierte Judenfeindschaft soll dadurch hinter geopolitischen Deutungsrahmen zurücktreten. Heiße Luft über die – anscheinend gänzlich neue – Ungerechtigkeit in der Welt lenkt von der Ungerechtigkeit zu Hause ab.
Die Obsession mit Israel und dessen Wohl und Wehe verstellt den Blick auf das, was vor der eigenen Haustür geschieht. Der Preis für diese kollektive Desorientierung ist hoch: Die elementare Verpflichtung zum Schutz jüdischen Lebens im eigenen Gemeinwesen wird verraten.
Hass ist keine Frage der Perspektive
Ein Mordaufruf gegen Juden muss nicht erst „erklärt“ werden. Nicht jede Lage ist komplex. Nicht alles bedarf der „post-kolonialen“, „anti-patriarchalen“, „diskriminierungssensiblen“ und „nah-ost-spezifischen“ Dekontextualisierung. Durch derlei Buzzwords werden lediglich Realitäten in subjektive Befindlichkeiten umgedeutet, ohne dass eine Lage verbessert oder einem Menschen geholfen wäre. Es braucht nicht so viel an Worten, um einfache Wahrheiten zu verstehen: Was wir erleben, ist blanker Hass auf Minderheiten durch die einen, gepaart mit dem Unwillen der anderen, sich dies einzugestehen.
Die Zustände geraten ins Rutschen.
