Reihe: Antisemitische Verschwörungsmythen auf dem Prüfstand
Teil 8: „Die antisemitische Chiffre“
Ideologien sterben nicht. Sie verändern ihre Sprache und leben dadurch fort.
Wenn Begriffe öffentlich geächtet werden, entstehen sprachliche Ersatzformen. Die Soziologie würde dies als Anpassung kommunikativer Codes bezeichnen; die Linguistik spricht von Chiffrierung. Chiffren sind nicht lediglich Synonyme. Sie erfüllen vielmehr komplexe kommunikative Funktionen, denn sie ermöglichen es, einen umfassenden Bedeutungszusammenhang aufrechtzuerhalten, ohne ihn ausdrücklich benennen zu müssen.
Nach Auschwitz war die offene Rede vom „gefährlichen Judentum“ gesellschaftlich inakzeptabel geworden. Die tradierte Denkfigur verlagerte sich jedoch lediglich auf neue Signifikanten:
- aus dem „Weltjudentum“ wurden „Globalisten“
- aus der „jüdischen Hochfinanz“ wurden „internationale Finanzeliten“
- aus der „jüdischen Weltregierung“ wurden „transnationale Netzwerke“
- aus dem „jüdischen Strippenzieher“ wurden „die Eliten“, „die Ostküste“, „Davos“, „Logen“ oder andere vermeintliche Machtzentren
Nicht jeder, der von „Globalisten“ oder „internationalen Netzwerken“ spricht, reproduziert antisemitische Narrative. Antisemitische Chiffren entstehen erst dann, wenn einem Begriff ganz bewusst jene Eigenschaften zugeschrieben werden, die seit jeher den Juden auferlegt wurden: Heimat- und Treulosigkeit, überstaatliche Macht, oder die angebliche Fähigkeit, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit aus dem Verborgenen heraus zu steuern.
Die Chiffre ersetzt also nicht lediglich ein Wort; sie konserviert ein Weltbild.
Chiffren ermöglichen es, dass ideologische Kontinuitäten unter veränderten normativen Bedingungen fortbestehen. Sie sind die semantische Evolutionsform von kollektiv geächteten Deutungsmustern. Mit Umberto Eco gesprochen verändern sich somit nicht die Zeichen selbst, sondern ihre Interpretationsgemeinschaften. Die Chiffre funktioniert, weil ihre eigentliche Bedeutung nur für wenige sichtbar ist, wie ein geheimes Passwort für eine Gemeinschaft der „Eingeweihten“.
Jahrhundertelanger Antisemitismus verschwindet nicht ohne Weiteres aus der Sprache. Er verlässt ihren kommunikativen Gebrauch und verändert ihre Funktion. Sprache beschreibt die Welt nicht lediglich, sie bringt Wirklichkeit hervor. Antisemitische Chiffren sind deshalb keine unschuldigen Ersatzbegriffe. Sie folgen einer Strategie: Sie markieren und delegitimieren, ohne den eigentlichen Adressaten ausdrücklich zu benennen. Sie sagen das eine und meinen das andere. Wer Antisemitismus deshalb ausschließlich an einzelnen Begriffen erkennen will, wird seine modernen Wirkungsformen regelmäßig übersehen. Ideologien leben von den Bedeutungen, die sie gewöhnlichen Worten unterschieben.
Fortsetzung folgt.
