Reihe: Antisemitische Verschwörungsmythen auf dem Prüfstand
Teil 7: „Die jüdische Weltregierung, oder: Weltherrschaft, die zweite“
Mit dem Untergang des nationalsozialistischen Regimes verschwand die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung (vgl. Teil 6: Die Protokolle der Weisen von Zion) nicht. Es war zwar unmöglich geworden, ungeniert von einer „jüdischen Weltherrschaft“ zu sprechen. Die fanatische Suche nach dem verborgenen Drahtzieher „hinter allem“ blieb jedoch erhalten. An die Stelle der Juden traten „internationale Eliten“, „Globalisten“, „Finanzoligarchien“, „Logen“, „die Ostküste“, „Davos“, „das Establishment“ und andere angebliche geheime Machtzirkel.
Antisemitismus erschöpft sich nicht in der Feindschaft gegenüber dem konkreten Juden. Er beruht auf der Vorstellung einer unsichtbaren Steuerungsgewalt, die die Geschicke der Welt lenke. Antisemitische Verschwörungsideologien können unterschiedlichste Gruppen zu einem einzigen imaginären Machtzentrum verklumpen. Gleichlaufend funktioniert daher die Vorstellung einer „jüdischen-bolschewistischen“, „jüdisch-kapitalistischen“ oder „jüdisch-freimaurerischen“ Weltverschwörung. Der tatsächliche Bolschewismus, Kapitalismus oder das Freimaurertum spielen für diese Erzählungen keine Rolle. Sie fungieren lediglich als Projektionsflächen für uniformiertes Geraune.
Nicht wenige antisemitische Narrative nach 1945 speisen sich überdies aus einem paradoxen Ressentiment: Mancher „Täter“ will den Juden „Ausschwitz nicht verzeihen“ (nach Zvi Rex) und sucht deshalb nach immer neuen Erzählungen, um eine Umkehr der Verantwortung zu betreiben. Zwar ist nicht jede Rede von „Globalisten“, „Finanzeliten“ oder „Logen“ antisemitisch. Auffällig ist jedoch, wie häufig diesen Akteuren genau jene Eigenschaften zugeschrieben werden, die über Jahrhunderte dem „internationalen Judentum“ vorgeworfen wurden: Heimat- und Treulosigkeit, mangelnde Loyalität gegenüber Nationalstaaten, überstaatlicher Einfluss, üble Tricks und Steuerungsmacht.
Das nebulöse Geraune über die Juden als Weltenlenker eint Menschen aller Bildungsschichten über die gesamte politische Farbenlehre hinweg. Sie alle versuchen, die Realität mit einfachen Antworten zu erklären. Moderne Gesellschaften produzieren allerdings Zustände, die nicht vollständig kontrollierbar und deren Ursachen nur schwer analysierbar sind. Wirtschaftskrisen, politische Umbrüche oder kultureller Wandel entstehen typischerweise aus dem wechselseitigen Zusammenwirken zahlloser Akteure und Institutionen. Verschwörungserzählungen beseitigen diesen Facettenreichtum. Sie transformieren Kontingenz in Kausalität, Angst in (Schein-)Gewissheit und gesellschaftliche Ambiguität in individuelle Schuld.
Die Vorstellung einer jüdischen Weltregierung erklärt die Welt zwar nicht einmal im Ansatz, aber sie erlöst von der Notwendigkeit, die tatsächliche Komplexität der Wirklichkeit ertragen zu müssen.
Fortsetzung folgt.
