Reihe: Antisemitische Verschwörungsmythen auf dem Prüfstand

Teil 6: „Die Protokolle der Weisen von Zion, oder: Weltherrschaft, die erste“

Kaum etwas hat die politische Propaganda des 20. Jahrhunderts so nachhaltig geprägt wie die sog. „Protokolle der Weisen von Zion“. Inhaltlich verdichtet das Dokument sämtliche bis dato bekannten antisemitischen Narrative zu der Behauptung, eine verborgene jüdische Elite steuere Medien, Finanzwesen und Politik mit dem Ziel der Erlangung der Weltherrschaft. Die Schrift entstand im Umfeld der zaristischen Geheimpolizei und diente der politischen Externalisierung gesellschaftlicher Krisen, indem soziale Konflikte auf eine vermeintliche jüdische Verschwörung zurückgeführt wurden.

Die „Protokolle“ waren natürlich eine Fälschung. Das war auch bereits kurz nach ihrer Veröffentlichung bekannt. Ihre Wirkung beruhte auf etwas anderem: Sie verwandelten den tradierten Judenhass erstmals in eine geschlossene Theorie der ganzen Welt.

Bis dahin existierten unterschiedliche antisemitische Narrative lose nebeneinander. Der Jude war Brunnenvergifter, Wucherer, Medienmanipulator, Ritualmörder oder Außenseiter. Nun wurde aus einzelnen Vorurteilen ein Gesamtsystem. Plötzlich schien alles miteinander verbunden: Finanzkrisen, Kriege, Revolutionen, Presse, Kultur, Politik. Nichts war mehr zufällig, alles war „geplant“.

Die „Protokolle“ behaupteten, dass gesellschaftliche Komplexität nicht existiere. An ihre Stelle trat die Vorstellung einer verborgenen Lenkung. Die moderne Verschwörungserzählung, die Mutter aller Theorien, war geboren. Die eigentümliche Leistung der Protokolle besteht darin, Kontingenz zu neutralisieren. Moderne Gesellschaften produzieren fortlaufend Entwicklungen, die weder zentral initiiert noch vollständig erklärbar sind. Die Vorstellung einer verborgenen Steuerungsinstanz transformiert Unsicherheit in Gewissheit und offene Prozesse in absichtliches Handeln. Antisemitismus ist dabei die Technik der Komplexitätsbewältigung. Seine Attraktivität liegt darin, dass er eine Welt ohne Zufall verspricht

Diese Struktur existiert bis heute in der Vorstellung geheimer Eliten (u.a. „Globalisten“), in der Vorstellung einer weltweit gelenkten Öffentlichkeit (u.a. „Deep States“) und in der Vorstellung künstlich erzeugter Krisen (u.a. „Plandemie“).

Antisemitismus fungiert als Universalgrammatik einer umfassenden Komplexitätsreduktion. An die Stelle offener gesellschaftlicher Prozesse tritt die Illusion eines verborgenen und bösen Willens. Antisemitismus verspricht eine Welt, in der nichts zufällig geschieht und in der alles auf einen Schuldigen zurückgeführt werden kann. Er ist damit die radikalste Form der Verweigerung der Moderne, eine Art Ersatzreligion, die ihren Jüngern einfache Antworten auf komplizierte Fragen verspricht.

Das „Gerücht über die Juden“ ist weiterhin eines der wirkmächtigsten und tödlichsten Narrative unserer Zeit.

Fortsetzung folgt.


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