Reihe: Antisemitische Verschwörungsmythen auf dem Prüfstand

Bild: KI-generiert.

Teil 5: „Der ewige Fremde“

Über Jahrhunderte hinweg wurde Juden vorgeworfen, sich nicht integrieren zu wollen und „anderen Mächten“ zu gehorchen. Der Antisemitismus konstruiert den Juden dadurch nicht bloß als äußeren, sondern als inneren Fremden. Als jemanden, der nur scheinbar dazugehört, tatsächlich aber konträren Interessen verpflichtet sei.

Im mittelalterlichen Europa galten Juden als Außenseiter in der christlichen Mehrheitsgesellschaft. Man verstand sie als Menschen mit geteilter Loyalität: körperlich anwesend, politisch und moralisch jedoch nicht integriert.

Mit dem Aufstieg moderner Nationalstaaten im 19. Jahrhundert verschwand dieses Misstrauen nicht. Nun lautete der Vorwurf, Juden seien nicht wirklich Deutsche, Franzosen, Russen oder Österreicher. Sie würden zwar in den jeweiligen Staaten leben, gehörten aber nicht zu ihnen.

Im Nationalsozialismus radikalisierte sich dieses Narrativ erneut.

Nun war von „vaterlandslosen Gesellen“, vom „internationalen Judentum“, oder von einer jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung die Rede. Die nationalsozialistische Propaganda machte aus dem Fremden den Verräter. Juden galten als Angehörige einer angeblich weltumspannenden Gemeinschaft, deren Loyalität niemals dem eigenen Vaterland gelten könne. Der berüchtigte Propagandafilm „Der ewige Jude“ von 1940 formte daraus eine politische Kampfmetapher. Der Jude wurde als kosmopolitischer, wurzelloser und zugleich weltbeherrschender Akteur inszeniert.

Beachtlich ist die innere Widersprüchlichkeit des Gedankengangs: Assimilierten sich Juden, galt dies als Tarnung. Bewahrten sie ihre Eigenständigkeit, wurde dies als Beweis ihrer mangelnden Integration(-sbereitschaft) gewertet. Der Vorwurf ist damit so zirkulär wie unfalsifizierbar zugleich. Der vermeintliche Feind befindet sich bereits innerhalb der Gesellschaft, verfügt über dieselben Rechte, spricht dieselbe Sprache und verfolgt angeblich dennoch böse Absichten.

Verklausuliert zeigt sich dies weiterhin in manchen Debatten über den Nahostkonflikt. Von jüdischen Menschen wird häufig erwartet, sich von Israel zu distanzieren oder dessen Existenz und Handlungen fortlaufend zu rechtfertigen, selbst wenn sie deutsche Staatsbürger sind. Andere Personen kritisieren Israel nicht legitim, sondern in chiffriert-antisemitischer Weise und betonen dabei ständig, dass sie nicht „die Juden“ meinen. Hierin lebt das alte Narrativ in seiner ganzen Perplexität fort: Der Jude ist nicht Bürger unter Bürgern, sondern Vertreter einer vermeintlich fremden Loyalität, für die er ganz und gar verantwortlich sein soll.

Juden wurde über Jahrhunderte vorgeworfen, kein eigenes Land zu besitzen und fremd im eigenen Land zu sein. Seit der Gründung Israels lautet der Vorwurf, dass sie das falsche Land haben. Im Grunde geht es also nur darum, Jüdinnen und Juden zu entrechten.

Fortsetzung folgt.


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