Reihe Antisemitische Verschwörungsmythen auf dem Prüfstand
Teil 4: „Kindermörder und Triebtäter“
Seit dem 12. Jahrhundert kursierte in Europa die Behauptung, Juden würden christliche Kinder entführen, foltern oder sogar töten, um deren Blut für religiöse Rituale zu verwenden. Oftmals wurde auch ein pädophiler Bezug beigemengt, um den Juden eine krankhaft-amoralische Sexualität zu unterstellen. Historisch waren diese Anschuldigungen natürlich vollständig haltlos.
Warum konnte sich ein derart groteskes Narrativ also überhaupt entfalten?
Juden lebten als Minderheit innerhalb einer christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft. Sie galten als religiös „anders“ und kulturell fremd. Zugleich existierte seit Jahrhunderten der von der Kurie erhobene Vorwurf des „Gottesmordes“: die Vorstellung jüdischer Schuld am Kreuztod Jesu. Die Behauptung jüdischer Kindermorde stellte nichts anderes als eine symbolische Wiederholung der Kreuzigungserzählung dar: Das unschuldige christliche Kind fungierte als das Spiegelbild Christi selbst, der Jude erneut als mörderischer Feind des Unschuldigen und Heiligen.
Juden wurden dadurch als Träger einer angeblichen kultischen und satanischen Gewalt dämonisiert. Kinder als „Opfer“ entfalteten dabei eine besondere Funktion: Sie verkörpern bis heute Reinheit und Schutzbedürftigkeit. Wer als „Kindermörder“ markiert wurde, stellte die Verkörperung des Unmenschlichen schlechthin dar. Die Folgen hieraus waren verheerend: Pogrome, Vertreibungen, Folterungen und Morde an Juden wurden immer wieder durch entsprechende Gerüchte legitimiert.
Im Nationalsozialismus kehrte dieselbe Struktur in modernisierter Form zurück, sowohl in Bezug auf die Ritualmordlegende als auch die angebliche krankhafte Sexualität.
Nun erschienen Juden als Zerstörer von Familie, Moral und gesellschaftlicher Reinheit. Die nationalsozialistische Propaganda sexualisierte und dämonisierte jüdische Männer systematisch und konstruierte erneut das Bild einer existenziellen Bedrohung unschuldigen Lebens. Der jüdische Mann sei ein Triebtäter, krankhaft sexuell ausgerichtet und nur darauf aus, die „unschuldige arische Frau“ und das „deutsche Kind“ zu schänden. Der vulgäre Sexualantisemitismus wurde vor allem durch das Hetzblatt „Der Stürmer“ unter das Volk gebracht.
Und auch heute existieren diese Denunziationen noch:
In den sozialen Medien kursieren Darstellungen, in denen Israel oder „die Zionisten“ als „Kindermörder“ diffamiert werden. Bilder toter Kinder werden dabei häufig aus ihren Kontexten gelöst und bewusst propagandistisch eingesetzt, um das tradierte Motiv des „grausamen jüdischen Täters“ zu reaktivieren. Die obsessive Fixierung auf den angeblich bewusst kinderfeindlichen Charakter jüdischer bzw. israelischer Gewalt reproduziert ein jahrhundertealtes antisemitisches Motiv. Die Mär von den „bluttrinkenden, jüdischen, pädophilen Eliten“ („Adrenochrom“) stößt in dasselbe Horn.
Fortsetzung folgt.
