Reihe: Antisemitische Verschwörungsmythen auf dem Prüfstand
Teil 2: „Brunnenvergifter“
Der „Brunnenvergifter“ bildet einen Prototyp moderner Verschwörungserzählungen.
Vor allem im Mittelalter kursierte in Europa die Behauptung, Juden würden Brunnen vergiften oder gezielt Seuchen auslösen, um die christliche Bevölkerung zu schädigen. Besonders während der Pestepidemien des 14. Jahrhunderts erlangte dieses Narrativ erhebliche Verbreitung. Eine mit der damaligen Wissenschaft nicht erklärbare Katastrophe traf auf massive (Todes-)Angst und das Bedürfnis nach einfachen Erklärungen. Die ideale Projektionsfläche stand bereits bereit: Juden galten als fremd und wurden sozial separiert. Aus dieser Fremdzuschreibung entwickelte sich die Vorstellung einer geheimen jüdischen Zerstörungsabsicht. In zahlreichen europäischen Städten kam es daraufhin zu Pogromen und Morden an jüdischen Bürgern. Teilweise waren jüdische Gemeinden von der Pest zwar tatsächlich geringer betroffen, was u.a. auf strengere religiöse Hygienevorschriften und die soziale Absonderung zurückgeführt wird. Gerade dies verstärkte jedoch den Verdacht gegen die Juden. Ein Teufelskreis.
Im Nationalsozialismus kehrte dieselbe Hassrede in ubiquitärer Form zurück. Nun vergifteten Juden nicht nur Brunnen, sondern ganze Gesellschaften: durch „Rassenschande“, kulturelle „Zersetzung“, Bolschewismus, Liberalismus oder vermeintliche Kontrolle von Medien und Wirtschaft. Die biologischen und hygienischen Metaphern waren dabei zentral: Juden wurden als „Bazillen“ oder „Parasiten“ beschrieben, d.h. als unsichtbare Gefahr, die den gesellschaftlichen Organismus von innen heraus zerstöre. Die nationalsozialistische Propaganda transformierte den mittelalterlichen Brunnenvergifter in ein modernes ideologisches Gesamtbild, in den „dreckigen, infektiösen Schädling“, der die „reine, gesunde, deutsche Rasse“ bedrohte.
Und auch heute noch lassen sich Strukturähnlichkeiten erkennen:
Während der Corona-Pandemie zirkulierten globale Verschwörungserzählungen, die an klassische antisemitische Muster anschlossen: absichtlich erzeugte Viren, „vergiftete“ Impfstoffe, gezielte Gesellschaftsminimierung. Nicht immer wurden Juden dabei ausdrücklich benannt. Häufig operierten die Narrative mit Codes, Chiffren und Andeutungen: „Globalisten“, „Medikamentenlobby“, „Gates-Foundation“ (die Gates sind im Übrigen nicht einmal jüdisch). Alter Wein in neuen Schläuchen.
Der semantische Mechanismus des „Brunnenvergifters“ ist stets identisch: Gesellschaftliche Unsicherheit wird in die Vorstellung von geheimen Akteuren übersetzt, die „hinter allem“ stehen. Gerade deshalb ist Antisemitismus weit mehr als bloße Fremdenfeindlichkeit oder ein allgemeines Ressentiment. Er fungiert als umfassendes Deutungsmodell, das Gewissheit erzeugen will, indem es einen verborgenen – immer gleichen – Schuldigen konstruiert: Der Jude als Gift für die Gesellschaft.
Fortsetzung folgt.
