Reihe: Antisemitische Verschwörungsmythen auf dem Prüfstand
Teil 12: „Der jüdische Verräter“
Mit der rechtlichen Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert entstand ein eigentümliches Paradox. Je stärker Juden zu deutschen Staatsbürgern wurden, gesellschaftlich aufstiegen, politische Verantwortung übernahmen und sich mit dem Gemeinwesen identifizierten, desto größer wurde der antisemitische Verdacht.
Die Figur des „jüdischen Verräters“ erwächst dabei aus einer christlichen Tiefenschicht. Ihr Urbild ist Judas Iskariot: jener Jünger, der Jesus für dreißig Silberlinge verriet. Aus dem Verrat eines Einzelnen wurde in der christlichen Wirkungsgeschichte immer wieder eine kollektive Charaktereigenschaft „der Juden“ abgeleitet, verstärkt durch den jahrhundertelang tradierten Vorwurf des „Gottesmordes“. Der Verdacht politischer oder nationaler Illoyalität fiel deshalb keineswegs auf semantisch unvorbereiteten Boden: Der Jude war lange vor dem Bestehen des Nationalstaat bereits als Verräter codiert worden.
Drastisch zeigte sich dies im Ersten Weltkrieg. Rund 100.000 jüdische Deutsche leisteten Militärdienst, etwa 12.000 von ihnen fielen für das Deutsche Reich. Dennoch ordnete das preußische Kriegsministerium 1916 die sogenannte „Judenzählung“ an. Hintergrund war der Vorwurf, jüdische Deutsche entzögen sich überproportional dem Frontdienst. Die gesonderte Erfassung folgte einem bemerkenswerten Ressentiment: die Zugehörigkeit zum Judentum allein genügte, um die nationale Loyalität einer ganzen Gruppe überprüfungsbedürftig erscheinen zu lassen.
Nach der deutschen Niederlage radikalisierte sich dieses Muster in der sog. „Dolchstoßlegende“. Deutschland habe den Krieg nicht militärisch verloren, sondern sei von Kräften im Inneren verraten worden. Sozialisten, Revolutionäre und insbesondere Juden wurden zu denjenigen, die dem – angeblich unbesiegten – deutschen Heer „in den Rücken gefallen“ seien.
Die nationalsozialistische Propaganda führte diese Vorstellung schließlich zur vollständigen Weltdeutung aus. Der Jude konnte zugleich Kapitalist und Bolschewist sein, Finanzier und Revolutionär, gesellschaftlich hervorragend integriert und dennoch „volksfremd“. Der darin liegende Widerspruch war die Funktionsbedingung der Ideologie. Separierte sich der Jude, bewies dies seine mangelnde Integrationsbereitschaft. Assimilierte er sich, tarnte er seine „wahre“ Identität. War er erfolglos, belastete er die Gesellschaft. War er erfolgreich, hatte er die Regeln unterwandert. Zeigte er Verbundenheit mit Deutschland, musste diese auf ihre Aufrichtigkeit überprüft werden. Ein Teufelskreis.
Die Denkfigur reicht bis in die Gegenwart. Jüdischen Bürgern wird auch heute noch mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit eine besondere Rechenschaft über ihr Verhältnis zu Israel abverlangt. Politische Positionen jüdischer Menschen werden häufig nicht als individuelle Positionen behandelt, sondern mit einer vermeintlichen zweiten Loyalität verrechnet. Juden werden objektiviert, tokenisiert und als Argumentationsattrappen missbraucht. Selbst sprechen lässt man sie nicht. Und verrät sich damit selbst.
Fortsetzung folgt.
