Reihe: Antisemitische Verschwörungsmythen auf dem Prüfstand
Teil 10: „Täter-Opfer-Umkehr“
Die Umkehrung von Tätern und Opfern ist ein tradiertes Instrument in antisemitischen Diskursen.
Die Geschichte der europäischen Juden ist eine Geschichte der Ausgrenzung, der Entrechtung, der Pogrome und schließlich der industriellen Vernichtung. Diese Asymmetrie stellt für antisemitische Weltbilder ein Problem dar, denn solange Juden als Opfer erscheinen, lässt sich der Hass auf diese Gruppe nicht legitimieren. Daher wird seit jeher versucht, den Juden selbst die Schuld für ihre Verfolgung zuzuweisen. Die tatsächliche Kausalität wird invertiert: Aus der Verfolgung wird Notwehr gegen Angriffe, aus der Gewalt Selbstschutz und aus den echten Opfern werden die Verursacher ihrer eigenen Geschichte.
Nach Auschwitz wurde diese Schuldumkehr perfektioniert. In Teilen der Bevölkerung entstand das Bedürfnis, die moralische Ordnung neu zu arrangieren: Die wenigen Juden, die die industrielle Vernichtung überlebt hatten, waren plötzlich diejenigen, welche aus ihrer Opfergeschichte politische, wirtschaftliche und moralische Vorteile zögen. Begriffe wie „Schuldkult“ und „Ausschwitzindustrie“, d.h. die Behauptung einer Instrumentalisierung der Erinnerung, erfüllen bis heute genau diese Funktion.
Wie kommt es überhaupt dazu? Die Täter-Opfer-Umkehr verspricht Entlastung ohne Selbstreflexion. Aus den Tätern werden Opfer einer vermeintlich „übermächtigen Erinnerungskultur.“ Es müsse doch „endlich mal gut sein“ mit den Juden. Es wird ein Leidensdruck erfunden, um von eigener Verantwortung abzulenken.
Auch der israelbezogene Antisemitismus folgt diesem Muster. Israel wird als alleinige Ursache regionaler und globaler Gewalt gesetzt: Nur Israel greife an, nur Israel missachte das Recht, nur Israel töte Unschuldige. Die komplexe Sicherheitsarchitektur des Nahen Ostens wird auf ein Schwarz-Weiß-Schema reduziert, Terrororganisationen und autoritäre Regime verschwinden aus dem Deutungsrahmen. Organisationen wie Hamas, der Palästinensische Islamische Dschihad, Hisbollah, der Islamische Staat, Al-Qaida und ihre zahlreichen regionalen Ableger, deren systematische Gewalt gegen Zivilisten und ihre eliminatorischen Ideologien verlieren gegenüber der Fokussierung auf Israel an Sichtbarkeit. Häufig gipfelt diese Verkehrung der Faktenlage in Vergleichen mit dem Nationalsozialismus. Verdrehter kann man nicht argumentieren: Nachfahren von Tätern aus Deutschland fusionieren mit neuen Täter aus dem Nahen Osten und fallen in alte Muster: Schuld ist der Jude, auch an seinem eigenen Schicksal. Ein Teufelskreis der Verantwortungsverweigerung.
Die Täter-Opfer-Umkehr verändert zwar nicht die Geschichte, sie verändert aber die moralische Last der Geschichte. Der Antisemitismus benötigt nämlich die fortwährende Belastung seiner Opfer. Denn erst wenn aus den Opfern Täter geworden sind, wird die eigene Geschichte erträglich.
Fortsetzung folgt.
